Musst immer DU alles tragen?

Veröffentlicht am 16. Mai 2026 um 18:04

Es gibt Menschen, die tragen alles. Nicht, weil sie müssen. Würden sie mit dem Tragen aufhören, wüssten sie nicht mehr, was von ihnen übrig bliebe.
Du hast dein Leben, Beziehung, Kinder, einen guten Job. Und du trägst: Umstände, Räume, Strukturen. Du hast es so gelernt. Du hast es bei deinen Eltern gesehen.

Du bist diejenige Person, auf die man sich verlässt, zu der man sich umdreht, wenn es darum geht, den Elternbeirat zu wählen. Du kannst organisieren, hast den Überblick. “Du kannst das so gut!” Spendengelder sammeln, Listen pflegen, Kuchen backen. Das hast du dir anders vorgestellt! Aber du ziehst durch, neben deinem Job, der Familie, den Kinder-Taxifahrten. Und du bist ja auch noch Partner/in! Du trägst und beschwerst dich nicht.

Es wäre jetzt viel zu einfach, Gründe in deiner Kindheit zu suchen. Es steckt noch etwas viel Größeres dahinter! Wir, die Elterngeneration von heute, haben noch festgefügte patriarchale Strukturen erlebt und stecken darin immer noch fest. Männer und Frauen gleichermaßen. Hier wirkt das kollektive Gedächtnis und die komplexen Systeme, in die wir hineingeboren wurden.

Die heutige Elterngeneration wurde größtenteils in den 1960er bis 1970er Jahren geboren. 1977 war das Jahr, in dem es Frauen erstmals gesetzlich erlaubt war, sich selbst einen Job zu suchen, Geld zu verdienen und ihr Vermögen selbst zu verwalten. Bis dahin konnte der Ehemann oft den Arbeitsvertrag seiner Frau kündigen. Dieses Gesetz ist vergleichsweise jung. Dadurch sind unsere Mütter und Väter eine Generation, die Absicherung und die Übernahme weiblicher und männlicher Pflichten von einer Kriegsgeneration verinnerlicht hat, in der Abhängigkeiten und klare Rollendefinitionen essenziell waren. Von Menschen, die Traumata durch Kriegserfahrungen erlebt haben, von Männern, die aus dem Krieg zurückkehrten und die traditionelle Rollenverteilung forderten – obwohl ihre Frauen zuhause eigenständig waren, weil sie es mussten. Das gehört zu unserem kollektiven Gedächtnis. Ein Gesetz kann das nicht einfach auflösen.

Frauen haben während der Zeit des Krieges, ohne ihre Männer, gelernt zu tragen. Frauen tragen die Kinder, sie tragen sie aus, Frauen tragen Stimmungen, Frauen tragen Systeme, Frauen haben alles im Kopf: Geburtstage, Termine, Trainingszeiten der Kinder, Schulveranstaltungen, Aufbewahrungsplätze aller Ordner und Papiere. Frauen haben das gelernt.
Und die Männer? Männer tragen die Verantwortung (du musst deine Familie ernähren, du bist der Mann im Haus, du bist der Beschützer...) Wenn vermeintlich alles zusammenbricht, muss der Mann es zusammenhalten!

Könntest du das nicht lassen? Nein, nicht so einfach! Dann passiert in der Regel Folgendes: Der Körper spricht. Er macht sich in dem Moment bemerkbar, als der Bandscheibenvorfall plötzlich da ist. Oder der Bluthochdruck, der Burnout! Der Körper sagt: Ich kann das nicht mehr tragen. Der Körper wird zum Sprachrohr des Ungesagten.

Nur leider haben viele von uns die Anbindung an ihren Körper verloren. Der Körper hat sich daran gewöhnt, hochverarbeitete Lebensmittel mit Chemie zu bekommen, mit Alkohol betäubt und mit Süßigkeiten vollgezuckert zu werden.... Er kann nur noch ganz leise wimmern und sich nicht mehr kraftvoll bemerkt machen. Deshalb bemerken wir unseren Körper immer erst, wenn er nicht mehr funktioniert.

 Und plötzlich ist was kaputt. Du musst in die Rehabilitation.
Rehabilitation? Such´ mal danach: “Rehabilitation bezeichnet die Wiederherstellung der physischen und psychischen Fähigkeiten eines Patienten nach einer Erkrankung, einem Trauma oder einer Operation. Ziel ist es, die Betroffenen zu unterstützen, wieder aktiv am Alltag und Berufsleben teilzunehmen.”
Danach folgt eine Wiedereingliederung! Wiedereingliederung bedeutet zurück in das System, in die volle Funktionsfähigkeit. Böse formuliert: hier ist ein kaputtes Teil, repariere es und gib´ es zurück in das System, das es zerstört hat!
Absurd!
Wir machen mit, wir hinterfragen es gar nicht!
Das bedeutet im Umkehrschluss, dass wir immer als erstes die Frage stellen sollten: “Was zeigt mir mein Körper bzw. das Symptom?” Und nicht zuerst “Wie kriege ich das wieder weg?”.
Aber...wir sind darauf  konditioniert, schnell wieder hergestellt zu werden.
😔 Um (wieder) weiter tragen zu können! Das funktioniert so lange, bis die nächste “Fehlfunktion” kommt!
Irgendwann reicht auch ein Urlaub nicht mehr aus! Wir arbeiten so lange darauf hin, und am Ende liegt der Schreibtisch doch wieder voll! Wünschen wir uns Erleichterung? Einmal in der Woche eine Putzfrau oder eine Gartenhilfe? Am Ende stecken wir die frei gewordene Zeit in Freizeitstress
 😉, oder? 
Oder Entspannung? Wodurch? Social Media? Netflix? Surfen im Internet? - Echt jetzt?
So absurd es auch klingt, das, was wir tragen, was wir organisieren, im Kopf haben, der tägliche Mental Load ist nicht wirklich wichtig.

Aber was würde passieren, wenn das alles tatsächlich wegfallen würde? Es würde sich wahrscheinlich eine Form von Kontrollverlust zeigen, denn wir ziehen unsere Kontrolle daraus zu wissen, wie alles zu laufen hat. Es ist unsere Komfortzone, das, was wir kennen. Wir tragen das (Familien-, Arbeits-...)System, denken es tragen zu müssen. Wer wären wir, wenn wir das nicht mehr hätten?
Die Rollen sind mit den Tragenden (Männer und Frauen) verschmolzen. Und deshalb ist es so schwierig diese Rollen zu erkennen, oder gar abzulegen und zu transformieren!
Wir definieren uns über unsere Rollen! Was würde von uns übrig bleiben, wenn wir nicht mehr tragen müssten? Sobald diese Rollen nicht mehr greifen, gehen viele in die Ablenkung, in die Überbeschäftigung, in die Betäubung...bis, ja, bis vielleicht der Körper dazwischen kommt. Das Ursprüngliche, die Ruhe auszuhalten, haben wir verloren. Wir erkennen gar nicht mehr, was wir wirklich wollen.
Wenn etwas geht oder wir etwas gehen lassen, entsteht Raum - die Frage ist wofür. Wer bin ich, wenn ich all diese Dinge, die ich jetzt am Laufen halte und trage, nicht mehr aufrecht erhalten MUSS. Soll das wirklich alles gewesen sein? Trau dich, dieser Frage mal Raum zu geben. Würdest du die Chancen, die das Leben dir bietet überhaupt wahrnehmen, ohne das es dich in die Enge treibt? 
Komm bei dir an, geh´ in die Natur, fahr´ mal runter und, ja, langweile dich mal wieder. Erst dann, in der Stille, die dann in dir entsteht, kannst du dich und deine Wünsche wirklich und wahrhaftig wahr nehmen. 

Ich wünsche dir viel Spaß dabei.

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